Entstehung und Aufstieg der
Arbeiterbewegung und damit einhergehend der Sozialdemokratie war nicht nur
Folge des Kampfes gegen Armut und Ausbeutung, sondern zugleich Ausdruck einer
umfassenden Reorganisation der Gesellschaft und hing eng zusammen mit dem
sozialen und wirtschaftlichen Wandel Deutschlands im 19. Jahrhundert. Seit den
fünfziger Jahren breitete sich sowohl ein zu bescheidenem Wohlstand
gelangendes Besitzbürgertum, als auch das große "Geldkapital" aus. In das
soziale Bild dieses Jahrhunderts gehörte aber auch das sprunghafte Anwachsen
breiter Schichten von abhängigen Lohnarbeitern. Dieser "Vierte Stand", das
"Proletariat", wie er in der Sprache der Zeit ausgedrückt wurde, war bis auf
tastende Versuche noch ohne Organisation geblieben und somit ohne politische
Bedeutung für die herrschenden Schichten. Doch das gewachsene
Selbstbewusstsein, der mit an vorderster Front bei der
Revolution von 1848 kämpfenden Handwerkergesellen und Arbeiter, ebnete
den Weg für die Gründung verschiedenartiger Organisationen. Neben den
Anfängen gewerkschaftlicher Zusammenschlüsse fallen in diese Zeit vor
allem die Gründung von Arbeiterbildungsvereinen. Hier tauchte auch
erstmals die Bezeichnung "Sozialdemokraten" für die Mitglieder
bestimmter Arbeitervereine auf. Die Anrede "Genosse"
(hervorgegangen aus der Haus- Hof- und Marktgenossenschaften und den
Arbeitsgenossen, den Gesellen) die Sozialdemokraten untereinander
gebrauchten wurde erst 1879 üblich. Die Gründung des "Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins" ADAV in Leipzig und die Wahl von Ferdinand
Lassalle zu seinem Präsidenten, brachte dann der Arbeiterbewegung zum
ersten Male in ihrer Geschichte einen Zusammenschluß von Dauer. Aufbauend
auf die 1848 gegründete "Arbeiterverbrüderung" des
Buchdruckers Stephan Born, die aber durch die einsetzende Reaktion nach
der gescheiterten Revolution alsbald verboten wurde, nutzte Lassalle die
erste sich bietende Gelegenheit, die Arbeiterschaft wieder zu vereinen.
Für Ferdinand Lassalle hatte das Bürgertum die Ideale der Revolution von
1848 verraten. "Nur keine Revolution von unten, lieber Despotismus
von oben, sei der erste Hauptsatz der Partei der Liberalen. Allein der
Vierte Stand sei in der Lage, die Demokratie zu verwirklichen,"
schrieb er in seinem "Arbeiterprogramm" von 1862. Ferdinand
Lassalle, 1825 in Breslau geboren, neigte sich früh dem Sozialismus zu
und betätigte sich im Sinne der radikalen Demokratie. 1862 entwickelte er
sein "Arbeiterprogramm". Daraufhin wurde er von einem Komitee
zur Einberufung eines "alldeutschen Arbeiterkongresses" in
Leipzig, zur Entwicklung eines Programmes aufgefordert und am 23. Mai 1863
zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewählt.
Ferdinand Lassalle war es nur vergönnt ein Jahr an der Spitze des ADAV zu
stehen, er starb am 31. Aug. 1864, aber diese kurze Zeit hatte genügt, um
ihn zum Idol vieler Arbeiter werden zu lassen. So dichtete Jakob Audorf in
seiner "Arbeiter-Marseillaise"
Nicht zählen wir den Feind,
Nicht die Gefahren alle! Der Bahn,
der kühnen folgen wir,
Die uns
geführt Lassalle!
Die "Bahn", die Lassalle gewiesen hatte, zum
einen die selbstbewußte und festgefügte Arbeiterpartei, mit Schlagworten
wie allgemeines und gleiches Wahlrecht, Ausbeutung und Klassenkampf, zum
anderen die These vom "Ehernen Lohngesetz", endeten später
jedoch in einer Sackgasse. Aber die beispielgebende, erfolgreiche
Gründung des ADAV, ermunterte dann auch andere zur Gründung von
Arbeiterorganisationen. Denn immer mehr gewannen die Kräfte die Oberhand,
die nach einem wirksameren Wahrnehmen der politischen und sozialen
Interessen der Arbeiter strebten. August Bebel, ein Anhänger
lassalleanischer Lehre und der überzeugte Republikaner Wilhelm
Liebknecht, gründeten am 7. August 1869 in Eisenach die
"Sozialdemokratische Arbeiterpartei". In ihrem Programm
forderten sie unter anderem die Abschaffung der Klassenherrschaft und die
Errichtung eines freien Volkstaates, eine gesetzlich geregelte
Höchstarbeitszeit, Einschränkung der Frauen- und Verbot der
Kinderarbeit, allgemeine Schulpflicht, Unabhängigkeit der Gerichte.
Ersetzung der indirekten Steuern durch eine progressive Einkommenssteuer,
Volksentscheid und das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht waren
weitere Programmpunkte. Neben dem ADAV war nun mit den
"Eisenachern", wie man die Sozialdemokratische Arbeiterpartei
kurz nannte, eine zweite Arbeiterpartei entstanden. Ende der 60er Jahre
haben dann beide Parteien, um die Arbeiter in unserer Region geworben.
Doch der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges von 1870 verhinderte
vorerst alle Ausbreitungsabsichten.