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Von den Anfängen bis zum Erfurter Parteitag

Die Entstehung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung


 

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Ferdinand Lassalle, Wilhelm Liebknecht und August Bebel
Entstehung und Aufstieg der Arbeiterbewegung und damit einhergehend der Sozialdemokratie war nicht nur Folge des Kampfes gegen Armut und Ausbeutung, sondern zugleich Ausdruck einer umfassenden Reorganisation der Gesellschaft und hing eng zusammen mit dem sozialen und wirtschaftlichen Wandel Deutschlands im 19. Jahrhundert. Seit den fünfziger Jahren breitete sich sowohl ein zu bescheidenem Wohlstand gelangendes Besitzbürgertum, als auch das große "Geldkapital" aus. In das soziale Bild dieses Jahrhunderts gehörte aber auch das sprunghafte Anwachsen breiter Schichten von abhängigen Lohnarbeitern. Dieser "Vierte Stand", das "Proletariat", wie er in der Sprache der Zeit ausgedrückt wurde, war bis auf tastende Versuche noch ohne Organisation geblieben und somit ohne politische Bedeutung für die herrschenden Schichten. Doch das gewachsene Selbstbewusstsein, der mit an vorderster Front bei der Revolution von 1848 kämpfenden Handwerkergesellen und Arbeiter, ebnete den Weg für die Gründung verschiedenartiger Organisationen. Neben den Anfängen gewerkschaftlicher Zusammenschlüsse fallen in diese Zeit vor allem die Gründung von Arbeiterbildungsvereinen. Hier tauchte auch erstmals die Bezeichnung "Sozialdemokraten" für die Mitglieder bestimmter Arbeitervereine auf. Die Anrede "Genosse" (hervorgegangen aus der Haus- Hof- und Marktgenossenschaften und den Arbeitsgenossen, den Gesellen) die Sozialdemokraten untereinander gebrauchten wurde erst 1879 üblich. Die Gründung des "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" ADAV in Leipzig und die Wahl von Ferdinand Lassalle zu seinem Präsidenten, brachte dann der Arbeiterbewegung zum ersten Male in ihrer Geschichte einen Zusammenschluß von Dauer. Aufbauend auf die 1848 gegründete "Arbeiterverbrüderung" des Buchdruckers Stephan Born, die aber durch die einsetzende Reaktion nach der gescheiterten Revolution alsbald verboten wurde, nutzte Lassalle die erste sich bietende Gelegenheit, die Arbeiterschaft wieder zu vereinen. Für Ferdinand Lassalle hatte das Bürgertum die Ideale der Revolution von 1848 verraten. "Nur keine Revolution von unten, lieber Despotismus von oben, sei der erste Hauptsatz der Partei der Liberalen. Allein der Vierte Stand sei in der Lage, die Demokratie zu verwirklichen," schrieb er in seinem "Arbeiterprogramm" von 1862. Ferdinand Lassalle, 1825 in Breslau geboren, neigte sich früh dem Sozialismus zu und betätigte sich im Sinne der radikalen Demokratie. 1862 entwickelte er sein "Arbeiterprogramm". Daraufhin wurde er von einem Komitee zur Einberufung eines "alldeutschen Arbeiterkongresses" in Leipzig, zur Entwicklung eines Programmes aufgefordert und am 23. Mai 1863 zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewählt. Ferdinand Lassalle war es nur vergönnt ein Jahr an der Spitze des ADAV zu stehen, er starb am 31. Aug. 1864, aber diese kurze Zeit hatte genügt, um ihn zum Idol vieler Arbeiter werden zu lassen. So dichtete Jakob Audorf in seiner "Arbeiter-Marseillaise" 

Nicht zählen wir den Feind, 
Nicht die Gefahren alle! Der Bahn, 
der kühnen folgen wir, 
Die uns geführt Lassalle! 

Die "Bahn", die Lassalle gewiesen hatte, zum einen die selbstbewußte und festgefügte Arbeiterpartei, mit Schlagworten wie allgemeines und gleiches Wahlrecht, Ausbeutung und Klassenkampf, zum anderen die These vom "Ehernen Lohngesetz", endeten später jedoch in einer Sackgasse. Aber die beispielgebende, erfolgreiche Gründung des ADAV, ermunterte dann auch andere zur Gründung von Arbeiterorganisationen. Denn immer mehr gewannen die Kräfte die Oberhand, die nach einem wirksameren Wahrnehmen der politischen und sozialen Interessen der Arbeiter strebten. August Bebel, ein Anhänger lassalleanischer Lehre und der überzeugte Republikaner Wilhelm Liebknecht, gründeten am 7. August 1869 in Eisenach die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei". In ihrem Programm forderten sie unter anderem die Abschaffung der Klassenherrschaft und die Errichtung eines freien Volkstaates, eine gesetzlich geregelte Höchstarbeitszeit, Einschränkung der Frauen- und Verbot der Kinderarbeit, allgemeine Schulpflicht, Unabhängigkeit der Gerichte. Ersetzung der indirekten Steuern durch eine progressive Einkommenssteuer, Volksentscheid und das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht waren weitere Programmpunkte. Neben dem ADAV war nun mit den "Eisenachern", wie man die Sozialdemokratische Arbeiterpartei kurz nannte, eine zweite Arbeiterpartei entstanden. Ende der 60er Jahre haben dann beide Parteien, um die Arbeiter in unserer Region geworben. Doch der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges von 1870 verhinderte vorerst alle Ausbreitungsabsichten.