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Jakob Weber


Ein Sozialdemokrat sorgt für Licht und Wasser und schreibt ein Stück Deutschlandpolitik mit

Ein Kommunalpolitiker aus vollem Herzen, ein wortgewaltiger, rhethorisch begabter Redner, ein Vordenker für die Erfordernisse seiner Zeit, ein Kämpfer für die Ziele der Sozialdemokratie, ein deutscher Patriot im positiven Sinne: Das war Jakob Weber, Mutterstadts erster Berufsbürgermeister.

Jakob Weber, 1873 als Sohn einer Mutterstadter Arbeiterfamilie geboren, erlernte das Maurerhandwerk, war Bauaufseher und später Gewerkschaftsvertreter im Bauarbeiterverband. Er befaßte sich schon in jungen Jahren mit sozialpolitischen Problemen, besuchte Weiterbildungskurse und vertiefte sein Wissen durch Selbststudium und war Absolvent der berühmten Parteischule in Berlin.

In der SPD haben ihn besonders Franz-Josef Ehrhart und Friedrich Profit, die beiden pfälzischen SPD-Vorsitzenden, beeinflußt. 1910 zog der politisch begabte junge Mann erstmals für die SPD in den Gemeinderat ein und die Persönlichkeit Webers hinterließ einen so hervorragenden Eindruck, daß er gleich das Amt eines Zweiten Adjunkten übertragen bekam. Er hatte diese Funktion bis Kriegsbeginn 1914 inne.

1911 veröffentlichte er eine Denkschrift mit Finanzierungsvorschlägen über Straßenherstellung, Entwässerung sowie die Errichtung einer Lichtkraftanlage in Mutterstadt. Daraufhin bechloß der Gemeinderat den Bau einer solchen Anlage und im August 1912 wurde das gemeindeeigene Elektrizitätswerk in Betrieb genommen. Er forcierte auch den Bau der Pestalozzischule und befürwortete erste Kanalisationsmaßnahmen im Ort wie z.B. am Dorfgraben. Weber war angetreten, aus dem Dorf Mutterstadt eine moderne Gemeinde zu machen. Durch den Krieg, an dem er vom ersten bis zum letzten Tage teilnahm, konnte er seine Gedanken leider nicht sofort umsetzen.

1920 bewarb er sich dann um das Amt des ersten hauptamtlichen Bürgermeisters der Gemeinde und wurde von den Mutterstadter Bürgern in einer Direktwahl mit 1.467 (sein Gegenkandidat erhielt 1.277 Stimmen) auch gewählt. Seine Amtszeit fiel in die politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich turbulenten Jahre nach dem verlorenen Weltkrieg. Bürgermeister Jakob Weber übernahm auch noch überörtliche Aufgaben; so wurde er Vorsitzender des seinerzeitigen Pfälz. Landgemeindeverbandes und hatte in dieser Eigenschaft viele Kontakte zur Bayerischen Staatsregierung in München.

Eine wichtige Rolle spielte Jakob Weber in den Jahren 1923/24 im Kampf der pfälzischen Gemeinden gegen die Seperatistenbewegung, die unter dem Schutze Frankreichs die Pfalz aus dem Reichsgebiet herauslösen und eine "Freie Pfalz" schaffen wollte. Weber bezog hier aus nationalen, deutschlandpolitischen Gründen eine harte Gegenposition. Er stellte sich, zusammen mit Friedrich Profit, auch gegen prominente "francophile Genossen". Beide bemühten zu ihrer Unterstützung auch Otto Wels, den Vorsitzenden der SPD, in die Pfalz. Nach der Ausrufung der autonomen Regierung "Freie Pfalz" 1923 ließen sich viele pfälzische Bürgermeister, zum Teil unter akuter Bedrohung, verleiten, eine Loyalitätserklärung für die Loslösung zu unterschreiben. Jakob Weber gehörte zu der 15köpfigen Delegation, die als Vertreter der Bevölkerung am 20./21.12.1923 bei der Interalliierten Rheinlandkommission in Koblenz vorstellig wurde, um die beabsichtigte Abtrennung der Pfalz zu verhindern. Aus dem Bericht eines Teilnehmers entnehmen wir, daß "die Erklärung des Bürgermeisters Jakob Weber aus Mutterstadt, der als bevollmächtigter Vertreter von 677 Landgemeinden der Pfalz sprach, einen starken Eindruck machte". Er wurde anschließend von der pfälzischen Exilregierung in Heidelberg beauftragt, die Zurücknahme der Erklärungen zu betreiben. Unter teilweise lebensbedrohendem Einsatz, geheimen Verhandlungen und persönlichen Interventionen gelang es ihm, zusammen mit einem weiteren Bürgermeisterkollegen, 410 Widerrufe von 438 Loyalitätserklärungen pfälzischer Gemeinden herbeizubringen. Nicht wenige Zeitzeugen meinen, daß dieses entschlossene Handeln Webers als Sprecher mehrerer hundert Landgemeinden den englischen Generalkonsul Clive wesentlich veranlaßte, in dieser Situation in Verhandlungen mit allen Beteiligten die Seperatistenbewegung in der Pfalz als erledigt zu erklären.
Dieser historische Tatbestand, dieses staatspolitische Wirken Webers, ist lange nicht erkannt und gewürdigt worden. Ihm ist es unzweifelhaft mit zu verdanken, daß die Pfalz bei Bayern blieb und keine rheinische Provinz ausgerufen wurde. Das hatte geschichtlich gesehen auch Auswirkungen auf die politische Entwicklung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Frankreich verzichtete damals darauf, Loslösungsbestrebungen links des Rheins anzustreben bzw. zu unterstützen. Insoweit hat der Mutterstadter Sozialdemokrat nachweislich auch ein Stück neuere Deutschlandpolitik mitgeschrieben. In diesem Zusammenhang sei an seine überörtlich viel beachtete Rede vom 30. Juni 1930 anläßlich des sog. "Befreiungstages" beim Abzug der Franzosen erinnert, in der Weber über die Kommunalpolitik weit hinausgehend zur allgemeinen politischen Lage der damaligen Zeit klar Stellung bezog.
Zurück zu dem Wirken Webers in seiner Heimatgemeinde. Auf dem Gebiete der kommunalen Selbstverwaltung haben er und der damalige Gemeinderat trotz Inflation und Wirtschaftskrise viel geleistet. Der Wohnungsbau und die Erweiterung des Rathauses sind zu erwähnen, aber auch der Bau des Notariatsgebäudes, der Post und des protestantischen Gemeindehauses erfolgten in dieser Zeit, aber auch die Gründung der selbständigen Gemeinde Limburgerhof am ehemaligen Hauptbahnhof Mutterstadt. Ein wesentlicher Verdienst Webers war, gegen den Willen des Bürgerblocks, die 1929 erfolgte Gründung des Zweckverbandes für Wasserversorgung mit fünf Gemeinden. 1931 floß in knapp 900 Mutterstadter Haushaltungen Wasser aus der Leitung und das "Volksbad" in der Pestalozzischule stand zur Verfügung. Der Mutterstadter Bürgermeister war auch der erste Vorsitzende dieses Verbandes. 1932 wurde der Mutterstadter Wasserturm fertig gestellt. Der Platz am Wasserturm trägt seit 1950 seinen Namen.
1930 wurde der Bürgermeister vom Gemeinderat auf 10 Jahre wiedergewählt. Als prominenter Sozialdemokrat wurde er jedoch von den Machthabern des 3. Reiches am 13. März 1933 verhaftet, aus dem Amt entfernt und monatelang von den Handlangern der NS-Diktatur in Gefängnissen in Schutzhaft festgehalten. Durch die brutale Behandlung und schlechten Unterbringungsbedingungen mußte er, ohne Mutterstadt noch einmal zu sehen, im Herbst 1933 ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo er am 28. November 1933 verstarb. Auf dem Mutterstadter Friedhof wurde ein Kämpfer für die gerechte Sache begraben, dem das Wohl seiner Gemeinde innerste Herzenssache war.
Weber war ein aufrechter Demokrat, manchmal unbequem, der seine politichen Auffassungen aber charaktervoll vertrat. Er hat Mutterstadt in den Jahren seines Wirkens den Stempel seiner Persönlichkeit aufgedrückt. Die Mutterstadter SPD, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, weiß, was sie an Jakob Weber hatte. Er verdeutlicht, daß es im Leben einer Gemeinde auf einzelne Menschen ankommt, die mit Verantwortungsgefühl, Können und Fachwissen für ihre Mitmenschen arbeiten. Als Gewerkschafter und als Sozialdemokrat hatte er viele gute Ideen und kraft seiner Überzeugung war er auch in der Lage, diese Ideen zu konkretisieren und in die Tat umzusetzen. Jakob Weber hat für die Entwicklung unserer Gemeinde unter den damaligen Zeitverhältnissen das Beste gemacht, was möglich war. Jakob Weber ist ein weiteres Beispiel dafür, das erfüllt die SPD mit Stolz, daß es in der Geschichte Mutterstadts in den letzten 100 Jahren immer wieder Sozialdemokraten waren, die für wesentliche, nachhaltige und gravierende Verbesserungen der örtlichen Lebensverhältnisse einstanden.