Die Sozialdemokratie und die Arbeiterbewegung unterm Hakenkreuz
Die
Reichstagswahl 1933
Keine andere politische Gruppierung im Deutschen Reich hat den aufkommenden Nationalsozialismus so grundsätzlich abgelehnt und zu bekämpfen versucht, wie die organisierte Arbeiterbewegung. Nach der Machtübernahme durch das NS-Regime geht es dann ganz schnell bis zur Gleichschaltung und das bedeutet das Ende aller freien, demokratischen Organisationen, Verbänden und Presseorganen . In einer Mischung von scheinbarer Legalität und gleichzeitigem Terror, mit staatlich geduldeten Rache- und Einschüchterungsmaßnahmen, bereitete die SA das Ende aller politischen Gegner vor, insbesondere von SPD und KPD.
Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 gibt es folgendes Ergebnis in Mutterstadt:
SPD 893 Stimmen
DKP 415 Stimmen
Zentrum 714 Stimmen
NSDAP 1.713 Stimmen
Am 11. März 1933 erscheint die letzte, bereits stark zensierte Ausgabe der Pfälzer Post. Ende März wird das Rückgrat der Arbeiterbewegung, die Arbeitersport- und Kulturvereine verboten: Die "ehemals marxistischen Vereine" werden aufgelöst, das Vereinsvermögen eingezogen (siehe Text Sportkartell). Gleichzeitig bedeutet das auch das Ende des Reichsbanners und der Eisernen Front. Am 2. Mai kommt es dann zur Zerschlagung der Freien Gewerkschaften. Am 22. Juni folgt das offizielle Verbot der SPD im Reichsgebiet, die Sitze in den Gemeinderäten und in den Parlamenten werden kassiert Ab 1. Januar 1935 tritt die Deutsche Gemeindeordnung in Kraft und beseitigt das Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden, denn die Bürgermeister werden von der NSDAP bestellt bzw. eingesetzt. Was das bedeutete, können wir dem Ratsprotokoll vom 24. August 1933 entnehmen. Danach erfuhr die Abwicklung der Tagesordnung eine "Vereinfachung": Der Referent trug die Punkte der Tagesordnung sowie die Stellungnahme der Fraktion der NSDAP vor, worauf der Gemeinderat über die gesamte Tagesordnung dann "abstimmte". Im Zuge der "Machtübernahme" gibt es auch in Mutterstadt Vorfälle, die man so nicht für möglich gehalten hätte: Da werden Personen, nur weil sie SPD- oder KPD-Mitglieder sind oder zu deren Familien gehören, von Personen, die der SA und der NSDAP angehören und die für das Hakenkreuz und für Hitler zu allem bereit sind, schikaniert, körperlich bedroht, diskriminiert, eingeschüchtert, beleidigt. Unrühmlich hervor tat sich dabei die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation NSBO mit ihren Drohungen und Beschimpfungen gegenüber SPD- und Gewerkschaftsmitgliedern. Desweiteren gibt es viele politisch bedingte Entlassungen ohne Anspruch auf finanzielle Unterstützung und Berufsverbote, es werden Personen denunziert, das Gespräch und der Umgang mit Freunden und Bekannten eingestellt, behördliche Genehmigungen oder Erlaubnisse ohne sachliche Gründe verweigert.
Bei der Volksabstimmung über Hitler im August 1934 lag in der Pfalz der Anteil der Nein-Stimmen bei 3,4 %. Unter den insgesamt nur 16 Gemeinden, in denen der Anteil der Nein-Stimmen über 10 % ausmachte, befindet sich auch Mutterstadt (10,5 %); ansonsten sind es fast nur Gemeinden mit überwiegend katholischer Bevölkerung. Viele dieser Nein-Stimmen kamen von überzeugten SPD- und KPD-Mitgliedern.
In den Mittelpunkt rückte nach dem Verbot das Bestreben, möglichst unauffällig den Konakt mit Gleichgesinnten zu halten, Tradition und Bewußtsein zu wahren, auf diese Weise das Dritte Reich zu überleben bzw. für den Fall einer Regimekrise eingreifbereit zu sein. Im Mai 1934 treffen sich pfälzische Genossen am Asselstein, um die Organisation der SPD im Untergrund zu beraten und aufzubauen. Es werden Kurierwege zu Frankreich und ins Saargebiet aufgebaut. Illegale Zeitungen, Broschüren, Plakate werden z.B. auf Dünndruckpapier hergestellt, werden von Kurieren, am Körper getragen, in die Kleidung eingenäht, in Fahrradschläuchen versteckt, zu Verbindungsmännern in die Pfalz, auch nach Mutterstadt, gebracht. Dort werden sie an den noch verbliebenen harten Kern der Genossen verteilt.
Hier ist mit größter Hochachtung und Anerkennung an diejenigen Genossen unseres Ortsvereins zu erinnern, die, von ihrer politischen Überzeugung geleitet, unter Lebensgefahr für sich und ihre Angehörigen, die illegale "Sozialistische Aktion" mitaufbauten. Ludwig Kaufmann und Ludwig Reimer waren als Kuriere tätig und Philipp Mangold verteilte die Zeitung "Kleiner Vorwärts" in Mutterstadt an ca. 20 SPD-Mitglieder. Als Kaufmann und Reimer deswegen verhaftet und verhört werden, kann Mangold glücklicherweise noch das belastende Material verschwinden lassen. Otto Hartmann und Josef Köhler waren bei diesen Untergrund-Aktionen ebenfalls dabei, unterstützt von Heinrich Hartmann jun., Hilda und Philipp Weber, Karl Schalk, Karl Röder und Katharina Kaufmann. In der Zeit zwischen 1933 und 1939 werden, neben Jakob Weber und Fritz Schalk, auch die Genossen Karl Heim, Johann Kern, Karl Röder, Johannes Klehr, Walter Riegel, Otto Krick, Friedrich Börstler sen. wegen ihrer Gegnerschaft zum NS-Regime vorübergehend in Schutzhaft genommen. Mit Beginn des Krieges am 1. September 1939 enden auch die Untergrundaktivitäten der Mutterstadter SPD, man trifft sich jedoch noch immer bei Heinrich Hartmann jun. in der Gaststätte "Zur Linde" und diskutiert die politische Lage. Der Widerstand der Genossen nützte nichts, aus dem Widerstand speiste sich aber nach 1945 der Wiederbeginn.
Bald zeigen die braunen Machthaber ihr wahres Gesicht: In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennen die Synagogen, dann brennen Bücher, Bilder, Kirchen, Menschen. Die Mutterstadter SPD-Mitglieder erlebten dann den grausamen Krieg und den Untergang, vor dem sie so engagiert mit Flugblättern gewarnt (Wer Hitler wählt, wählt Krieg) und den sie befürchtet hatten: An der Front als Soldat, gefallen, verwundet, in Gefangenschaft. In der Heimat bei Bombenangriffen, Zerstörungen, Not, Elend und Tod.
Nach 12 Jahren NS-Regime hat die Diktatur auch in Mutterstadt ausgespielt: am 21. März 1945, 7.00 Uhr morgens, fahren die Amerikaner in den Ort ein.